Buch des Kabus

240 Seiten

Inhalt der Kapitel

DED 001

Preis: 14,95 €

 

Kjekjawus, Buch des Kabus

Kjekjawus, Buch des Kabus

Dieses Werk wurde 1070, vom persischen König und Muslim Kjekjawus geschrieben und 1811 von Heinrich Friedrich von Diez ins Deutsche übertragen.

Als Goethe auf der Höhe seines Wissens um Menschen und Mächte das Buch des Kabus in die Hand bekam, notierte er: “Dieses Buch schien mir so bedeutend, dass ich ihm viele Zeit widmete und mehrere Freunde zu dessen Betrachtung aufforderte... Dass ein so vortreffliches, ja unschätzbares Buch nicht mehr bekannt geworden, daran mag hauptsächlich Ursache sein, dass es der Verfasser auf seine eigenen Kosten herausgab und die Firma Nicolai solches nur in Commission genommen hatte, wodurch gleich für ein solches Werk im Buchhandel eine ursprüngliche Stockung entsteht.

Damit aber das Vaterland wisse, welcher Schatz ihm hier zubereitet liegt, so setzen wir den Inhalt der Kapitel hierher und ersuchen die schätzbaren Tagesblätter, wie das Morgenblatt und der Gesellschafter, die so erbaulichen als erfreulichen Anekdoten und Geschichten, nicht weniger die großen unvergleichlichen Maximen, die dieses Werk enthält, vorläufig allgemein bekannt zu machen.” Goethe hoffte, dass sich eine Zeitung, ein Verlag, oder zumindest Buchhändler des Buches annehmen würden: “Diejenige Buchhandlung, die vorgemeldetes Werk in Verlag oder Commission übernommen, wird ersucht, solches anzu-zeigen. Ein billiger Preis wird die wünschenswerthe Verbreitung erleichtern.”

Niemand scheint damals der Anregung des Dichters und Geheimrats nachgekommen zu sein. Vielleicht, weil die Restauration sich schon anbahnte und nach den Wirren der Revolution eine neue Zeit anbrach. Vielleicht aber auch nur, weil der Umfang des Buches mit seinen 870 Seiten und zahllosen Anmerkungen nicht für ein breites Publikum geeignet und daher wenig rentabel schien. Jedenfalls geriet das von Diez mit dem Untertitel Ein Werk für alle Zeitalter versehene Buch bald in Vergessenheit.

Auch nach tausend Jahren erweist sich diese Schrift in mancher Hinsicht als aktuell. Sie wurde in Zeiten bedrohter Stabilität verfasst. Wache Beobachter Zentralasiens erkannten damals die Zeichen bevorstehender Umwälzungen großen Ausmaßes. Die heutige Lage scheint hierzu einige Parallelen aufzuweisen. Wir erleben eine Legitimationskrise der Politik. Das Vertrauen in die sozialen und staatlichen Institutionen schwindet. Die modernen Industriegesellschaften scheinen im Zuge ihrer rasanten technologischen Entwicklung und weltumspannender Medienpräsenz ihre Orientierung verloren zu haben. Die Globalisierung und die mit ihr einhergehenden Privatisierungstendenzen der Wirtschaft werden von vielen als fragwürdig empfunden. Überrascht es uns, dass auch auf der individuellen Ebene die Bedeutung der Eigenverantwortung wieder stärker ins Bewusstsein rückt ? Wie kann der einzelne Mensch sich in ungewissem Schicksal vor Unbill schützen? Wie erkennt er seinen eigenen geistigen und materiellen Nutzen und wie mehrt er Geld und Glück? Kjekjawus Antworten offenbaren subtilsten Einblick in die menschliche Psyche, auf deren Schwächen und Verletzlichkeit er bei seinen Ratschlägen stets reflektiert und gegen deren negative Folgen er sich durch achtvolle Handlungen, Freigiebigkeit und Nachsicht absichert. In dieser Hinsicht ist prüfende Wahrnehmung der Interessen und Befindlichkeiten der anderen Menschen ebenso von Bedeutung wie die Religion als moralische Richtschnur, denn unter den genannten Umständen kann Sicherheit für den einzelnen nur existieren, indem er sie fortwährend durch gute, friedens- und freundschaftsstiftende Handlungen verstärkt. So werden ein guter Leumund und Freunde gewonnen und gehalten. Und aus manchem Feind mag gar ein Freund werden. Kjekjawus’ aus dem Koran sowie der Weisheit Arabiens und Persiens genährte Gesinnung teilt die Grundwerte eines aufgeklärten Christentums. (Man bedenke, dass bald nach seinem Tod die in der katholischen Kirche institutionalisierte christliche Religion in Europa Ketzerverbrennungen, Kreuzzüge und Hexenjagd organisierte und den grausamen Irrweg der Inquisition beschritt). In seinem Glauben an ein göttliches Gesetz sieht Kjekjawus die Mächtigen einer höheren Instanz untergeordnet, einer Instanz, die ihren möglichen Hochmut bricht und die Ausübung der Strafgewalt auf den Weg der Milde lenkt. Nicht umsonst widmet der König dem Vorteil des Verzeihens ein eigenes Kapitel. Und nicht ohne Grund hat Goethe dieses tiefsinnige, humane und zugleich unterhaltsame Buch dem Okzident zur Lektüre und Reflexion anempfohlen.